Emma Ch. Ulrich und Katharina Grosch

SCHREIBT ,

DENKT &

SPIELT

SCHREIBT ,

DENKT &

INSZENIERT

Ulrich, Emma Charlott: So werde ich gerufen, nicht anders. Wäre es anders, würde es andere Menschen, die, die rufen gar nicht tangieren, mich aber sehr.
Ich wechselte die Schule drei mal, dann zockte ich ein Abitur ab. Danach leistete ich prekäre Selbstausbeutung in Leipziger Theatern, Schuhläden, Hotels und Restaurants. Weil ich eben Dinge tun wollte.

Polykausal motiviert zog ich bald nach Berlin. (Berlin, diese Stadt, die mir als in Potsdam aufgewachsene Person ständig wie ein vollgerotzter Abgrund vor der Nase herumhing, bei genauerem Betrachten aber doch eine stinknormale Stadt war.) Zwischen all dem stinknormalen Rotz erhob sich eine bekannte Universität, in der sich eine Bekanntschaft mit einer unbekannten Katharina Grosch erhob. Die Unbekannte und ich zeichneten Baumdiagramme, die ursprünglich mal Sätze waren, dazu gab es Milchshakes. Abends gab es Zigaretten und Texte, die geschrieben wurden, und abseits von Baumdiagrammen auf sogenannten Bühnen angewandt und dargestellt wurden, meist an der Volksbühne bei P14. Mit weichen Ohren und zitternden Knien sprachen unsere geleeartigen Körper auch über sogenannte Stücke, die wir selbst nicht angewandt, aber beobachtet hatten.

Seit Jahren nun schon studiere ich deutsche Literatur bis hin zum Master, wurde für meine Bachelorarbeit für einen RENOMMIERTEN PREIS nominiert, den ich nicht bekommen habe, und verfasse Texte mittels Schrift, sehr viel auch mit Humor, am liebsten und häufigsten mit Katharina Grosch, die mir nun nicht mehr unbekannt ist. Der Vorgang dessen, der nicht zu beschreiben ist – das stimmt nicht, beschreiben kann man ihn, verstehen trotzdem weniger, besteht vor allem aus der parallelen Existenz zwischen zwei tricksenden und schelmischen Gehirnen, die etwas tun, und am Ende nennt man das ERZÄHLEN.
Das ist wahrhaftig, was ich am liebsten tue, bis heute.
Zwischen heute und 1992 ist das alles passiert.

Foto von Timotheé Deliah Spiegelbach

Etwas hart war das Jahr 1992, da wurde ich geboren, gezwungenermaßen als ein bayerisches Baby, das Kind wurde und dann Jugendliche, schließlich erwachsen. Dann ging ich weg. Es hatte lange genug gedauert, nun rollte ich durch Berlin, studierte irgendwas, aber lernte in der Universität viel über Sprachfehler und Auslautverhärtung. Anfangs war das interessant und charmant, irgendwann nervig. Auf einer Art Trampelpfad sackte ich Emma Ulrich ein, die da mit einer Zigarette stand, was auf den gleichen Geschmack schließen ließ. Am Ende des Pfads stand ein Theater, da gingen wir in den dritten Stock hoch und da saßen andere herum, tranken Milchshakes, rauchten Pfeife und hatten zwar Sprachfehler, aber das war egal. Es war kühl und schattig im Theater und tat meinen Augen gut. Eine jähe Wetterveränderung blies mich mit starken Winden nach Hamburg. Da hing stets eine Regenwolke über meinem Kopf und ich wurde sehr nass und studierte die Regiekunst an dieser HfMT. Manche fanden das sehr gut, denn ich erhielt ein SEHR RENNOMIERTES STIPENDIUM. Im Auslaut wurde es dann sehr hart, denn ich ritt zurück nach Berlin und nicht nur die UDK und die Gasthörerschaft und das szenische Schreiben fand das toll, sondern auch Emma Ulrich, die mir 1,95 Euro anbot und noch einen Kaugummi drauflegte, als ich nicht lang zögerte, mit ihr ein Schreibduo zu gründen. Unsere Firma hat ihr Büro in den Berliner Untergrundbahnen, wir brauchen wenig Platz auf viel Raum, und manchmal muss man auch einfach schnell zum Zahnarzt kommen, der einem die benötigten Kugelschreiber schenkt, um dann längerfristig ein Literatur machen zu können.
Es ist spaßig, das Fabulieren mit Emma Ulrich. Was wir machen, kann man als wichtig und sachlich beSCHREIBEN, unser Humor trägt sich auf Tapete, Kacheln, Sandpapier, Raufaser, funktioniert auf Stein, Holzwolle, Clownsgesichtern, dem Fell ältlicher Hundedamen und Fingernägeln. Manchmal sind unsere Texte schmusig-humorig, so charmante Chansons rachitischer Clochards. Manchmal vernünftigerweise absurd, denn wie soll man sonst noch PIEP sagen, wenn alles sogar im Anlaut schon hart sein soll und gleichzeitig unmenschlich weich.

ANGEWANDTE LITERATUR

Literatur, das ist etwas, das zunächst einmal als ein verschwörungstheoretisches Gemälde, das heißt ein grafisches Zeichensystem, auch genannt Schrift, daher kommt. Die sogenannte Schrift ist dann im Folgenden nur von Sprecherinnen oder genauer Leserinnen einer einzelnen Sprache zu entziffern und im beautiful mind dieser Person schwirren die Zeichen und die Bedeutungen hinter den Augen umher und ergeben so etwas wie einen Sinn, oder aber auch eine Störung, eine Verwirrung. Dabei entsteht Literatur oft nicht von Sekunde Null im Prozess des Schreibens, das bedeutet beim manischen Kritzeln von Zeichen in verschiedenen Reihenfolgen auf Papier oder digitaler Fläche, sondern auch Sprechen kann ein Ursprung sein: Dann malt man es eben ab.

Dieser Literaturbegriff ist einer, der sich warm und zärtlich an ULRICHSundGROSCHEN dranschmiegt, ihnen einen dampfenden Kakao zubereitet, an dem sie sich allerdings auch hin und wieder ihre kleinen Zungen verbrennen. In den Armen dieses Literaturbegriffs können sie sich entspannen, ULRICHSundGROSCHEN, sie können sich erholen vom Wahnsinn des 21. Jahrhunderts und Kraft schöpfen, um ihm zu begegnen, dem Wahnsinn des 21. Jahrhunderts.

Damit aber nicht alle auf Seiten starren und ihnen ein Wirbelsturm von Zeichen und Bedeutung die sozialen Kompetenzen wegfegt, machen es sich ULRICHSundGROSCHEN zum Auftrag, diese Literatur anzuwenden. Also: Der Fläche, auf der ein Schriftzeichen zu deuten ist, wird nun 1 bis 236 Dimensionen addiert. Es zählen Raum und Geräusch und Geruch und Traurigkeit und Zeit und Wind und Nebel und Humor und Gemeinsamkeit und Menschen, viele Menschen und Humor und Geschmack und Applaus und Humor und Sehen und Blinzeln und Humor und zu spät kommen und rote Vorhänge und Humor und Humor dazu. Ein Literatur wird erfahrbar, eine Erfahrung aus Text. Das macht Spaß und ist wie ein Kakao, der einem wohlig die Kehle runtersuppt, aber manchmal verbrennt man sich den Augapfel beim Schlürfen.