Emma Ulrich

Am Ende des Tunnels begann die Stadt.

VON EMMA CH. ULRICH
Und dort, am Anfang der Stadt stand Kollo und sah in den Himmel. Er betrachtete den Himmel, als wäre er gemalt, eine Kulisse für das Leben, das die darunter herumlaufenden führten. Komisch sieht der Himmel aus, sagte Kollo in den Tunnel hinein und das Echo warf seine Stimme zu ihm zurück und er hatte das Bedürfnis zu widersprechen. Gar nicht komisch, sagte er, doch der Tunnel sagte: Komisch, und da war er mittendrin in einem Streit. Kollo machte einen Schritt in den Tunnel hinein und seine Füße machten ein schurrendes Geräusch. Er hob beide Füße gleichzeitig an, und stolperte und fiel hin. Es tat weh und der Tunnel schwieg peinlich berührt. Tschuldigung, sagte Kollo, ich bin hingefallen, das gilt nicht. Er sah von unten zum Himmel des Tunnels hinauf, da war nicht viel mehr als Schwärze. Hinter sich hörte Kollo weitere Schritte und was er erst für ein verspätetes Echo hielt, waren zwei Füße, die ein schurrendes Geräusch machten und sich auf ihn zubewegten. An den Füßen steckten Beine, darauf waren ein Rumpf mit Armen und ein Hals und ein Kopf. Die Arme bewegten sich hin und her.
Hast Du Dir weh getan, fragte die HABSBURGERIN, die auf ihn zukam mit einer Bohrmaschine in der Hand. Auch ihr Blick war bohrend, außerdem trug sie eine scheußliche Samthose, die schimmerte, aber weshalb? Im Tunnel war kaum Licht, Kollo sagte also: Warum schimmert Deine Hose, und der Tunnel wiederholte die Frage und Kollo und die Habsburgerin sahen genervt zur Seite, weil sie sich einfach zu zweit unterhalten wollten, ohne, dass der Tunnel immer da hineinredete. Meine Hose schimmert doch nicht, sagte die Habsburgerin. Ja, ich hab mir wehgetan, sagte Kollo und stand auf. Die Hose schimmert doch. Das sehe ich doch. Ich kanns doch sehen. Der Tunnel wiederholte alles, mehrmals diesmal. Nun kamen aus der anderen Richtung auch Schritte auf die beiden zu, es war ein alter Mann mit Regenschirm, der gebückt ging und einfach nur den Tunnel durchqueren wollte. Kollo sagte: Hallo, aber so leise, dass der Tunnel das nicht wiederholen konnte, und der alte Mann mit dem Regenschirm hörte es dann gar nicht. Er ging einfach vorbei und schlurfte gebückt davon und als er aus dem Tunnel verschwunden war, wussten Kollo und die Habsburgerin nicht mehr, was sie eben gesprochen hatten und sahen sich einen Moment stumm an, da so im Halbdämmer. Ich hab dafür keine Zeit, sagte Kollo und ging in die andere Richtung. Die Habsburgerin sah ihm verletzt hinterher, sie war es eigentlich gewohnt, dass man sie so ohne weitere Erklärung stehen ließ, aber verletzend war es doch immer wieder aufs Neue. Sie hielt die Bohrmaschine an die Tunnelwand und tat so, als würde sie ein Loch in den Tunnel bohren. Sie dachte an den Ausflug, den sie in die Stadt gemacht hatte, diese Stadt, die jetzt immer so leer war. Sie hatten ihren Sohn unterwegs verloren, er war irgendwo abgebogen und hatte ihr nicht Bescheid gesagt, hatte sie ohne Erklärung stehen gelassen und obwohl sie es eigentlich gewohnt war, so ohne Erklärung zurückgelassen zu werden, war es doch immer wieder aufs Neue verletzend, wenn es dann geschah. Als käme er aufs Stichwort, tauchte hinter ihr ihr Sohn auf, der hieß Frankfurt und war besonders schlechter Laune, denn die Stadt war leer und seine Freunde aufs Land gezogen, aus Liebe zum Teil oder aus Langeweile, oder weil sie exotische Tiere gekauft hatten, die sie in der Stadt nicht versorgen konnten. Ich hätte auch gern ein exotisches Tier und einen Landsitz, sagte er zu seiner Mutter, der Habsburgerin, aber die schnaufte verächtlich und sagte, bitte, fang damit nicht wieder an. Der Sohn war gereizter Stimmung wollte diese mit einer langatmigen Diskussion loswerden und sagte laut und deutlich: DOCH. Der Tunnel antwortete ihm anstelle seiner Mutter und sagte: DOCH. Frankfurt blickte umher und verstand nicht, dass er es mit dem Phänomen eines Echos zu tun bekam, er sagte: NEIN. Und damit war die Diskussion im Sinne der Habsburgerin beendet. Sie strich sich erleichtert über die Samthosenbeine und ging ein paar Schritte in Richtung des rückwärtigen Ausgangs des Tunnels. Komm mal jetzt mit, sagte sie nach hinten hin zu ihrem Sohn, ohne sich umzudrehen, doch der Sohn, der Frankfurt hieß, blieb, wo er war, und sagte nichts. Die Habsburgerin ging den gleichen Weg, den Kollo gegangen war und am Ausgang des Tunnels stand er dann noch und rauchte eine Zigarette. Am Ende des Tunnels begann die Stadt.

© Copyright
Katharina Grosch

Fotos von

Timotheé Deliah Spiegelbach