Desire: Die Zügellosigkeit der Leere
Desire: Die Zügellosigkeit der Leere
Desire: Die Zügellosigkeit der Leere

Ein vierhändig geschriebener Groschenroman, das ist es, was DESIRE: DIE ZÜGELLOSIGKEIT DER LEERE darstellte. Dieser Stoff, für den wir uns als schreibendes Duo auf die Theorien des Psychoanalytikers Jacques Lacan gestützt haben, bricht das Narrativ des Begehrens in sieben Kapiteln. Lacans Beschreibungen über das Begehren des Menschen sind dabei Palimpsest-artig in allen Ebenen der Inszenierung zu finden.

Die Protagonistin Maria Massage lebt in einem idyllischen Vorort. Sie ist die Tochter des Familienimperiums „Massage – Fuß und Rückenpflege“, hat der Familie aber aus einem mysteriösem Grund den Rücken zugekehrt und einen Friseursalon für kniehohe Hunde eröffnet.

Diese klischeehafte Setzung hatte durchaus Methode! Laut Lacan ist das Einordnen in Konventionen für die menschliche Sinngebung notwendig. Dies ist eine Strategie, den schmerzlichen Existenzialismus im Lebensweg zu umgehen. Der Mensch muss sich seine Ziele und Hoffnungen nicht selbst suchen, er kann sie sich aus konventionellen Pointen zusammensetzen.

Maria Massage aber leidet unter einer Hundehaarallergie und ist demnach arbeitsunfähig und hoch verschuldet. Zu Beginn der Geschichte trifft sie auf den Postboten und Leidenschaftskeramiker Peter Nein, welcher es sich zur Aufgabe macht, der Frau aus den Schulden zu helfen. Dies tut er, um sich selbst als Held definieren zu können. Lacan beschreibt, dass das, was unser Begehren anheizt, vor allem unsere eigene Definition ist. Dass wir das, wofür uns unser Gegenüber hält, als wohltuenden Spiegel nutzen.

Peter Nein selbst telefoniert mysteriös hin und wieder mit einer mystischen Person am Telefon und tauscht sich über Diskurstexte über das Begehren aus. Nicht einmal er selbst weiß, wer diese mysteriöse Person ist, oder was sie will. Die mystische Person am Telefon markiert den großen Anderen, der in Lacans Theorie eine Hauptrolle einnimmt, bei uns eine gewichtige Nebenrolle.

Ein unangenehmer Streit zwischen der Rebellin Massage und dem durch und durch moralisch korrekten Postbote in Kapitel zwei stellt beide vor fast unüberwindbare Hürden und Widersprüche.  
Die Wege der beiden trennen sich vorerst.

Der Familien Butler Norbert-Gerd Grotthaus versucht währenddessen auf seine Weise, das Schlamassel zu lösen und Maria Massage zurück in den Kreis der Familie zu holen. Hierbei hat er selbstsüchtige Absichten: Die Familie soll intakt bleiben, damit er seinen Job nicht verliert; außerdem ist er verliebt in Maria.

Durch folgenschwere Verwicklungen, Waffengewalt und Enthüllungen, die einen kniehohen Hund, nochmals Liebe und das Innehaben des Narrativs betreffen, spitzt sich die Lage so weit zu, dass drei Männer im Keller eingesperrt sind und eine Frau auf ihre Schreie aufmerksam wird…

Dreimal haben wir diesen Stoff in unterschiedlichster Weise zu Gehör und unter die Menschen gebracht. Angelegt als Hörspieltext, konnten die ersten beiden Kapitel von DESIRE in der P14-Radiosendung bei Piradio gesendet werden (2017).

Ein zweites Mal wurde das ganze Stück als szenische Lesung im Berliner Ringtheater gezeigt (2019). Dafür trugen die Die Darsteller*innen das Textbuch an den Körper gebunden und spielten ausschließlich im Sitzen auf Rollhockern. Nur in Momenten der Befreiung und der absoluten Ehrlichkeit standen sie auf und für etwas ein.

In einer dritten Variante haben wir Zoom-Theater (2020) gemacht und dabei gemerkt: Die Vermutung ist ein großer Bestandteil unseres Begehrens. Wahrhaftigkeit existiert nicht.

Das Begehrtwerden ist unangenehm! Und begehrt wurden auf der Bühne: Luc Schneider, Luis Krummenacher, Franziskus Claus, Paula Knüpling, Emma Ch. Ulrich// Sound: Jonathan Hamann und als Regisseurin: Katharina Grosch.

Fotos von  Julia Küchler Photography